06.
Dezember
Interview mit
dem Weihnachtsmann
Eine vorweihnachtliche Betrachtung
Es hatte schon wieder geklingelt. Das neuntemal im Verlauf der letzten
Stunde! Heute hatten, so schien es, die Liebhaber von Klingelknöpfen
Ausgang. Mürrisch rollte ich mich türwärts und öffnete.
Wer, glauben Sie, stand draußen? Sankt Nikolaus persönlich!
In seiner bekannten historischen Ausrüstung. "Oh", sagte ich. "Der
eilige Nikolaus!" "Der heilige, wenn ich bitten darf. Mit h!" Es klang ein
wenig pikiert. "Als Junge habe ich Sie immer den eiligen Nikolaus genannt.
Ich fand's plausibler." "Sie waren das?" "Erinnern Sie sich denn noch daran?"
"Natürlich! Ein kleiner hübscher Bengel waren Sie damals!"
"Klein bin ich immer noch." "Und nun wohnen Sie also hier." "Ganz recht."
Wie lächelten resigniert und dachten an vergangene Zeiten.
"Bleiben Sie noch ein bißchen!" bat ich. "Trinken Sie noch eine
Tasse Kaffee mit mir!" Er tat mir, offen gestanden, leid.
Was soll ich Ihnen sagen? Er blieb. Er ließ sich herbei. Erst putzte
er sich am Türvorleger die Stiefel sauber, dann stellte er den Sack
neben die Garderobe, hängte die Rute an einen der Haken, und schließlich
trank der mit mir in der Wohnstube Kaffee.
"Zigarre gefällig?" "Das schlag ich nicht ab." Ich holte die Kiste.
Er bediente sich. Ich gab ihm Feuer. Dann zog er sich mit Hilfe des linken
den rechten Stiefel aus und atmete erleichtert auf. "Es ist wegen der Plattfußeinlage.
Sie drückt niederträchtig." "Sie Ärmster! Bei Ihrem Beruf!"
"Es gibt weniger Arbeit als früher. Das kommt meinen Füßen
zupaß. Die falschen Nikoläuse schießen wie die Pilze aus
dem Boden."
"Eines Tages werden die Kinder glauben, daß es Sie, den echten,
überhaupt nicht mehr gibt." "Auch wahr! Die Kerls schädigen meinen
Beruf! Die meisten von denen, die sich einen Pelz anziehen, einen Bart umhängen
und mich kopieren, haben nicht das mindeste Talent! Es sind Stümper!"
"Weil wir gerade von Ihrem Beruf sprechen", sagte ich, "hätte ich
eine Frage an Sie, die mich schon seit meiner Kindheit beschäftigt.
Damals traute ich mich nicht. Heute schon eher. Denn ich bin Journalist
geworden." "Macht nichts", meinte er und goß sich Kaffee zu. "Was wollen
Sie seit Ihrer Kindheit von mir wissen?" "Also", begann ich zögernd,
"bei Ihrem Beruf handelt es sich doch eigentlich um eine Art ambulanten
Saisongewerbes, nicht? Im Dezember haben Sie eine Menge Arbeit. Es drängt
sich alles auf ein paar Wochen zusammen. Man könnte von einem Stoßgeschäft
reden. Und nun ..." "Hm?" "Und nun wüßte ich brennend gern, was
Sie im übrigen Jahr tun!"
Der gute alte Nikolaus sah mich einigermaßen verdutzt an. Er machte
fast den Eindruck, als habe ihm noch niemand die so naheliegende Frage gestellt.
"Wenn Sie sich nicht darüber äußern wollen ..." "Doch,
doch", brummte er. "Warum denn nicht?" Er trank einen Schluck Kaffee und
paffte einen Rauchring. "Der November ist natürlich mit der Materialbeschaffung
mehr als ausgefüllt. In manchen Ländern gibt's plötzlich keine
Schokolade. Niemand weiß wieso. Oder die Äpfel werden von den
Bauern zurückgehalten. Und dann das Theater an den Zollgrenzen. Und
die vielen Transportpapiere. Wenn das so weitergeht, muß ich nächstens
den Oktober noch dazunehmen. Bis jetzt benutze ich den Oktober eigentlich
dazu, mir in stiller Zurückgezogenheit den Bart wachsen zu lassen."
"Sie tragen den Bart nur im Winter?" "Selbstverständlich. Ich kann
doch nicht das ganze Jahr als Weihnachtsmann herumrennen. Dachten Sie, ich
behielte auch den Pelz an? Und schleppte 365 Tage den Sack und die Rute
durch die Gegend? Na also. - Im Januar mache ich dann die Bilanz. Es ist
schrecklich. Weihnachten wird von Jahrhundert zu Jahrhundert teurer!" "Versteht
sich." "Dann lese ich die Dezemberpost. Vor allem die Kinderbriefe. Es hält
kolossal auf, ist aber nötig. Sonst verliert man den Kontakt mit der
Kundschaft." "Klar." "Anfang Februar lasse ich mir den Bart abnehmen."
In diesem Moment läutete es wieder an der Flurtür. "Entschuldigen
Sie mich, bitte?" Er nickte. Draußen vor der Tür stand ein Hausierer
mit schreiend bunten Ansichtskarten und erzählte mir eine sehr lange
und sehr traurige Geschichte, deren ersten Teil ich mir tapfer und mit zusammen-"gebissenen"
Ohren anhörte. Dann gab ich ihm das Kleingeld, das ich lose bei mir
trug, und wir wünschten einander auch weiterhin alles Gute. Obwohl
ich mich standhaft weigerte, drängte er mir als Gegengeschenk ein halbes
Dutzend der schrecklichen Karten auf. Er sei, sagte er, schließlich
kein Bettler. Ich achtete seinen schönen Stolz und gab nach. Endlich
ging er.
Als ich ins Wohnzimmer zurückkam, zog Nikolaus gerade ächzend
den rechten Stiefel an. "Ich muß weiter", meinte er, "es hilft nichts.
Was haben Sie denn da in der Hand?" "Postkarten. Ein Hausierer zwang sie
mir auf." "Geben Sie her. Ich weiß Abnehmer. Besten Dank für Ihre
Gastfreundschaft. Wenn ich nicht der Weihnachtsmann wäre, könnte
ich Sie beneiden."
Wir gingen in den Flur, wo er seine Utensilien aufnahm. "Schade", sagte
ich. "Sie sind mir noch einen Teil Ihres Jahreslaufs schuldig." Er zuckte
die Achseln. "Viel ist im Grunde nicht zu erzählen. Im Februar kümmere
ich mich um den Kinderfasching. Später ziehe ich auf Frühjahrsmärkten
umher. Mit Luftballons und billigem mechanischen Spielzeug. Im Sommer bin
ich Bademeister und gebe Schwimmunterricht. Manchmal verkaufe ich auch Eiswaffeln
in den Straßen. Ja, und dann kommt schon wieder der Herbst - und
nun muß ich wirklich gehen."
Wir schüttelten uns die Hand. Ich sah ihm vom Fenster aus nach.
Er stapfte mit großen, hastigen Schritten durch den Schnee. An der
Ecke Ungerstraße wartete ein Mann auf ihn. Er sah wie der Hausierer
aus, wie der redselige mit den blöden Ansichtskarten. Sie bogen gemeinsam
um die Ecke. Oder hatte ich mich getäuscht? Eine Viertelstunde danach
klingelte es schon wieder. Diesmal erschien der Laufbursche des Delikatessengeschäftes
Zimmermann Söhne. Ein angenehmer Besuch! Ich wollte bezahlen, fand aber
die Brieftasche nicht gleich. "Das hat ja Zeit, Herr Doktor", meinte der
Bote väterlich. "Ich möchte wetten, daß sie auf dem Schreibtisch
gelegen hat!" sagte ich. "Nun gut, ich begleiche die Rechnung morgen. Aber
warten Sie noch, ich bring' Ihnen eine gute Zigarre!" Die Kiste mit den
Zigarren fand ich auch nicht gleich. Das heißt, später fand ich
sie ebensowenig. Die Zigarren nicht. Die Brieftasche auch nicht. Das silberne
Zigarettenetui war auch nicht zu finden. Und die Manschettenknöpfe mit
den großen Mondsteinen und die Frackperlen waren weder an ihrem Platz
noch sonstwo. Jedenfalls nicht in meiner Wohnung.
Ich konnte mir gar nicht erklären, wohin das alles geraten sein
mochte. Es wurde trotzdem ein stiller hübscher Abend. Es klingelte
niemand mehr. Wirklich, ein gelungener Abend. Nur irgend etwas fehlte mir.
Aber was? Eine Zigarre? Natürlich! Glücklicherweise war das goldene
Feuerzeug auch nicht mehr da. Denn das muß ich, obwohl ich ein ruhiger
Mensch bin, bekennen: Feuer zu haben, aber nichts zum Rauchen im Haus, das
könnte mir den ganzen Abend verderben!
Erich Kästner
Herzlichen
Dank an Britta Bartelt,
die mir freundlicherweise ihre Bilder zur Verfügung gestellt hat :-)