Josef sieht mehr
"Wohin willst du?", fragte der Vater.
Benjamin hielt die Türklinke fest.
"Raus", sagte er.
"Wohin raus?", fragte der Vater.
"Nur so", sagte Benjamin.
"Und mit wem?", fragte der Vater.
"Och...", sagte Benjamin.
"Um es klar auszusprechen", sagte der Vater,
ich will nicht, dass du mit diesem Josef rumziehst!"
"Warum?", fragte Benjamin.
"Weil er nicht gut für dich ist", sagte der Vater.
Benjamin sah den Vater an.
"Du weißt doch selber, das dieser Josef ein ... na,
sagen wir, ein geistig zurückgebliebenes Kind ist",
sagte der Vater.
"Der Josef ist aber in Ordnung", sagte Benjamin.
"Möglich", sagte der Vater. "Aber was kannst du schon
von ihm lernen?"
"Ich will dich nichts von ihm lernen", sagte Benjamin.
"Man sollte von jedem, mit dem man umgeht,
etwas lernen können", sagte der Vater.
Benjamin ließ die Türklinke los.
"Ich lerne von ihm, Schiffchen aus Papier zu falten", sagte er.
"Das konntest du mit vier Jahren schon", sagte der Vater.
"Ich hatte es aber wieder vergessen", sagte Benjamin.
"Und sonst?", fragte der Vater. "Was macht ihr sonst?"
"Wir laufen rum", sagte Benjamin. "Sehen uns alles an
und so."
"Kannst du das nicht auch mit einem anderen Kind
zusammen tun?"
"Doch", sagte Benjamin. "Aber der Josef sieht mehr",
sagte er dann.
"Was?", fragte der Vater. "Was sieht der Josef?"
"So Zeugs", sagte Benjamin. "Blätter und so. Steine.
Ganz tolle. Und er weiß, wo Katzen sind.
Und die kommen, wenn er ruft."
"Hm", sagte der Vater. "Pass mal auf", sagte er.
"Es ist im Leben wichtig, dass man sich immer
nach oben orientiert."
"Was heißt das", fragte Benjamin,
"sich nach oben orientieren?"
"Das heißt, dass man sich Freunde suchen soll,
zu denen man aufblicken kann.
Freunde, von denen man etwas lernen kann.
Weil sie vielleicht ein bißchen klüger sind als man selber."
Benjamin blieb lange still.
"Aber", sagte er endlich, "wenn du meinst, dass der Josef
dümmer ist als ich, dann ist es doch gut für den Josef,
dass er mich hat, nicht wahr?"
Gina Ruck-Pauquèt
gelesen im Adventskalender von www.anderezeiten.de
Herzlichen Dank an Britta Bartelt, die mir freundlicherweise ihre Bilder zur Verfügung gestellt hat :-)
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