In
der Stadt kam das
Christkind nur einmal, aber in der Riß wurde es schon Wochen
vorher im Walde gesehen, bald kam der, bald jener Jagdgehilfe mit der
Meldung herein, dass er es auf der Jachenauer Seite oder hinter
Ochsensitzer habe fliegen sehen. In klaren Nächten mußte man
bloß vor die Türe gehen, dann hörte man vom Walde
herüber ein feines Klingeln und sah in den Büschen ein Licht
aufblitzen. Da röteten sich die Backen vor Aufregung, und die
Augen blitzten vor freudiger Erwartung.
Je
näher aber der Heilige
Abend kam desto näher kam auch das Christkind ans Haus, ein Licht
huschte an den Fenstern des Schlafzimmers vorüber, und es klang
wie von leise gerüttelten Schlittenschellen.
Da
setzten wir uns in
den Betten auf und schauten sehnsüchtig ins Dunkel hinaus; die
großen Kinder aber, die unten standen und auf eine Stange Lichter
befestigt hatten, der Jagdgehilfe Bauer und sein Oberförster,
freuten sich kaum weniger. Es gab natürlich in den kleinen
Verhältnissen kein Übermaß an Geschenken, aber was
gegeben wurde, war mit aufmerksamer Beachtung eines Wunsches
gewählt und erregte Freude.
Als
meine Mutter an einem Morgen nach
der Bescherung ins Zimmer trat, wo der Christbaum stand, sah sie mich
stolz mit meinem Säbel herumspazieren, aber ebenso frohbewegt
schritt mein Vater im Hemde auf und ab und hatte den neuen
Werderstutzen umgehängt, den ihm das Christkind gebracht hatte.
Wenn der
Weg offen war, fuhren meine Eltern nach den Feiertagen auf
kurze Zeit zu den Verwandten nach Ammergau. Ich mag an die fünf
Jahre gewesen sein, als ich zum ersten Male mitkommen durfte, und wie
der Schlitten die Höhe oberhalb Wallgau erreichte, von wo sich aus
der Blick auf das Dorf öffnete, war ich außer mir vor
Erstaunen über die vielen Häuser, die Dach an Dach
nebeneinander standen. Für mich hatte es bis dahin bloß drei
Häuser in der Welt gegeben.
Ludwig
Thoma
Herzlichen Dank an Brigitte, die mir freundlicherweise ihre Bilder zur Verfügung gestellt hat :-)
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