Die große
Reise des Nikolaus (Teil 2)
von Marlies Klein
(Teil 1)
Man
sieht die weissen Bergesspitzen
im Strahl der Morgensonne blitzen,
und zwischen Felsen, Eis und Schnee
liegt, gross und still, der weisse See.
Der
Alte schaut, dazwischen liest er
ab und zu im Sündenregister.
Das ist ein schweres altes Buch,
er nimmt es mit zu jedem Besuch.
"Hei, wie triebt eus de Wind so schnell,
ich glaub, mir sind scho überm Bergell!"
Tief
im Tal zu seinen Füssen,
sieht den breiten Strom er fliessen.
Und der Alte, voll Entzücken,
beugt
sich über Fluss und Brücken,
schneebedeckt das ganze Tal,
silbern glänzt
der Wasserfall.
Lang flog er so
am Himmel dahin,
sah über sich die Wolken ziehn;
er ist über Städte und Dörfer geflogen,
Burgen und Kirchen vorübergezogen.
Im Flug verging dem Chlaus die Zeit,
er schaut hinunter "Bald ist's soweit!"
Da blickt der
Chlaus gerührt ins Tal:
"Lueg Eseli, euses Hüsli, din Stall,
gsehsch det de Bach, de Wald, und's Feld,
wo mir gläbt händ uf dere Welt!
Vor Freude
schüttet der Nikolaus
einen Sack Schoggitaler aus.
Dieser Sack wird niemals leer,
wo nähm er all das Gute her?
Von drunten hört man Kinder lachen
über die vielen guten Sachen.
In der Ferne
glänzt ein See,
Wiesen, Dächer weiss von Schnee.
Er schaut auf den Kompass, dann auf die Uhr,
"Noch zwanzig Minuten bis Winterthur!"
Endlich sehn sie im Wald ihr Haus,
alljährlich wohnt dort der Samichlaus.
Hier landet jetzt
der Luftballon,
die gute Waldfrau wartet schon.
Die Waldfrau hat schön warm
gemacht,
Kaffee und Bauernbrot gebracht.
Und Hafer hat sie nicht vergessen,
denn auch der Esel muss was fressen.
Der
Chlaus ruht aus im Ohrensessel,
zu seinen Füssen schläft der Esel.
Draussen wird es dunkel,
am Himmel helles Sterngefunkel.
Die Waldfrau klopft: "Es ist jetzt Zeit,
macht schnell Euch für den Weg bereit!"
Nun gehen Esel und Samichlaus
in den Winterwald hinaus.
Dichte Flocken fallen leis,
Mantel, Bart und Fell sind weiss,
Eichhörnchen springen, während sie wandern,
von einer hohen Tanne zur andern.
Alle Tiere auf und
unter Bäumen,
den Weg des Samichlaus nun säumen.
Auch die Rehlein sind gekommen,
wollen sehn den guten, frommen
Nikolaus. Der holt aus seinen Taschen
für alle Tiere was zu naschen.
Auf den Tannen in
der Ferne
glitzert Schnee und leuchten Sterne.
Dort scheint Licht aus jedem Haus,
wo die Buben und die Mädchen
in dem Dorf und in dem Städtchen
warten auf den Samichlaus.
Unser Peter hier im Zimmer
schaut hinauf zum Wald,
und er sagt zu seiner Schwester:
"Horch, jetzt kommt er bald."
Schnee knirscht unter jedem Tritte,
auch die Mutter hört die Schritte,
eilt ans Fenster und ruft aus:
"Seht da kommt der Samichlaus!"
Und die Schwester
eilt zum Tor,
Chlaus und Esel stehn davor.
"Guten Abend", sagt sie; "lieber
Samichlaus, wir warten schon,
heut Mittag sah ich fliegen
Deinen weissen Luftballon.
Geh ins Zimmer zu der Mutter
ich bring Deinem Esel Futter."
Fortsetzung folgt ...