
Endlich sind alle fein gemacht, und es folgt der erste Höhepunkt des Tages: das Krippenspiel in der nahe gelegenen Dorfkirche. Von nah und fern strömen die Gläubigen mit ihren Kindern. Die Fans meines Sohnes stehen dieses Jahr ihrerseits als Ochs und Esel auf den Bühnen, daher muss er seinen Auftritt als Oberhirte vor heimischem Publikum absolvieren. Die Mutter sitzt in der ersten Reihe, den murrenden Zweitgeborenen auf dem Schoß und den Wassereimer vor sich; als Feuerwache eingeteilt, nur für den Fall, dass einer der Engel mit der brennenden Kerze dem textilen Schweif des Sterns von Bethlehem zu nahe kommt. Die Mutter betet ohn' Unterlass, vermutlich die Frömmste in der ganzen Kirche: »Lieber Gott, mach dass Viktoria nicht im Stehen einschläft ...«, während Viktoria wie ein Rohr im Winde schwankt, und die brennende Kerze sich immer wieder aufs bedrohlichste der Stoffbahn nähert. Auf dem zwanzig Meter hohen Tannenbaum sind natürlich auch echte Kerzen, damit die Spannung bis zum Ende nicht nachlässt.
Warum ich als Erwachsene vorne sitzen und den kleinen Kindern die Sicht versperren muss, werde ich von einem Vater unchristlich mürrisch gefragt. Ich zeige stumm auf meinen Wassereimer und verweise auf meine verantwortungsvolle Aufgabe.
Das Krippenspiel nimmt seinen Lauf. Wann es endlich anfange, will nach zehn Minuten ein Dreijähriger in der zweiten Reihe wissen. »Pscht«, macht die Mutter, während der erste Wirt Maria und Josef die Tür weist.
»Kommen jetzt die Kamele?« fragt ein anderes Kind im Zwei-Minuten-Takt.
Maria sucht unter dem Schweif des Sterns von Bethlehem vergeblich das Jesuskind. Unruhe breitet sich aus. Sollte jemand den Heiland mit einer gewöhnlichen Babypuppe verwechselt und gestohlen haben? Endlich ist das Baby gefunden und kann geboren werden. Der Kinderchor singt ein Lied aus der Abteilung:» Hauptsache, keiner kennt's«, und mein Jüngster – ganz angehender Fußballer – versetzt dem Wassereimer einen gezielten Tritt, so dass dieser ein paar Liter Wasser auf die vorne ausgelegten Decken schwappt, auf denen unter anderem die Tochter des mürrischen Vaters Platz genommen hat.
Während ich mit Schadensbegrenzung beschäftigt bin, wartet der Rest der versammelten Gemeinde auf den Einzug der drei heiligen Könige, die wie jedes Jahr auf nahezu echten Kamelen herein reiten werden. Der Knabe, der andauernd nach den Kamelen gefragt hatte, scheint mittlerweile eingeschlafen zu sein. Der Kantor spielt eine Endlosschleife auf dem Klavier, um die Wartezeit zu überbrücken, vermutlich musste eines der Kamele in letzter Sekunde noch mal aufs Klo.
Endlich kommen sie herein, mit schwankenden Pappköpfen, der würdige Schritt etwas durch die zerlumpten Turnschuhe beeinträchtigt, die unter den kamelfarbenen Decken hervorschauen. »Schön, dass auch die Konfirmanden am Krippenspiel teilnehmen dürfen«, denke ich. »Die brauchen sich wenigstens nicht zu verstellen.«
Zum Schluss singen wir alle »Oh du Fröhliche«, herzen und küssen unsere Nachbarn und laufen durch den obligaten Nieselregen nach Hause.
Opa wartet schon. »Kinder kommt herein, der Baum brennt!«
Ob
wir vor oder nach der Bescherung essen, diskutieren wir dann im
nächsten Jahr weiter.
Danke für die Erlaubnis zum Verwenden an Barbara Arnold, entdeckt
bei www.kolumnen.de
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bäuerinnentreff
2008
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