normale Schrift einschaltengroße Schrift einschaltensehr große Schrift einschalten
 
Link verschicken   Drucken
 

05. Dezember 2018

 

Hof im Schnee

 

 

10 Eier für Weihnachten

 

«Verflixt und zugenäht!» Lena kniete vor den Legenester und tastet mit den Händen das Stroh ab. Keine Eier, schon der dritte Tag, ausgerechnet jetzt. In drei Tagen hat sich Tina, ihre Enkelin, zum Güetzli backen angemeldet. Dieses Ritual pflegten sie schon zehn Jahre, seit Tinas siebten Lebensjahr. Das Guetzli backen mit Tina war etwas ganz Besonderes, auf diesen Tag freute sich Lena jedes Jahr wie ein kleines Kind.

Nur, zum Guetzli backen braucht es Eier, zehn Stück müssen es mindestens sein. Seltsam ihre fünf Hühner waren eigentlich ganz zuverlässig. Brav legten sie alle zwei bis drei Tage ein Ei - beachtlich, schleisslich waren sie nicht mehr die Jüngsten. Jan, Lenas Mann, schimpft oft über «ihre Suppenhühner» wie er sie wegen ihres Alters nannte. Die Hühner bekam Lena vor fünf Jahren von ihrer Nachbarin Theresa die nach Amerika auswanderte. Sie erinnerten sie immer wieder an die schönen Stunden, die sie mit Theresa beim Kaffee und Kuchen verbrachte. Deshalb hielt sie die Hühner in Ehren.

 

Nachdenklich musterte Lena ihre fünf Hühner. Sie sehen gesund und munter aus, suhlen sich im Sandbad, picken Körner, scharren und gackern friedlich im Hühnerhof herum. Nein, krank sind die Hühner sicher nicht!
«Hallo Lena, so nachdenklich?»

Hans der Postbote streckte seinen Kopf über den Zaun. Seufzend drehte sich Lena zu Hans:
«Ach, ich brauche dringend zehn Eier und meine Hühner sind zu faul um sie zu legen.»
«Vor einer Stunde war ich bei Hanna, der Bäuerin hinter der Kirche, die hat genau dasselbe Problem. Sie behaupte daran sei der Fuchs schuld. Aus Angst, weil er in der Nacht um die Hütte streicht, legen die Hühner keine Einer.»
«Der Fuchs! Meinst du wirklich?»
«Von Hühner habe ich leider keine Ahnung, aber Hanna wird’s schon wissen. Immerhin hat sie hundert Hühner. Sonst kauf deine Eier doch einfach bei ihr.»
Winkend fuhr er mit seinem Fahrrad davon. Herrje, vielleicht blieb ihr der Gang zu Hanna wirklich nicht erspart. Ob tatsächlich der Fuchs Schuld hatte – oder, vielleicht trieb sogar ein zweibeiniger Eierdieb sein Unwesen. Genau, soweit hatte sie ja noch gar nicht gedacht! Es könnte ja sein, dass irgendjemand heimlich in der Nacht die Eier stiehlt.


«Ha!» Dachte Lena, «nicht mit mir! Diesem Dieb werde ich heute Nacht gehörig die Suppe versalzen!»
In Gedanken entwarf Lena einen Schlachtplan. Immer mehr Ideen sprudelten auf sie ein.
Sollte tatsächlich ein Eierdieb herumschleichen, wird ihm das Stehlen für immer und ewig vergehen. Kurz vor dem ein Dunkeln, machte Lena sich auf den Weg. Mühsam schleppte sie Blecheimer und Schüsseln zum Hühnergehege, einen besonders grossen Zuber füllte sie sogar mit Wasser. Sie spannte Schnüre und befestigte Glocken. Zum Abschluss seifte sie die Tritte tüchtig mit Schmierseife ein.
Die Hände in die Hüfte gestemmt, betrachtete sie zufrieden ihr Werk. Mit einem schadenfrohen Grinsen eilte sie ins Haus zurück.

 

Jan sitzt am Tisch, schneidet sich ein grosses Stück Brot ab, dazu Speck vom letzten Alpschwein. «Bevor ich es vergesse, Urs hat angerufen, weisst du wo die Kiste mit den Samichlauskutten steht? Sie möchten morgen schon mal die Kutsche und alle Utensilien abholen.»
Die Jungmannschaft vom Dorf, holt jedes Jahr, Anfangs Dezember, die alte Kutsche aus der Remise. Sie wird entstaubt, geschmückt und hinter zwei Esel gespannt. Am 6. Dezember besuchen die Samichläuse vom Dorf damit die sehnsüchtig wartenden Kinder.

 

Lena versucht sich zu erinnern:
«Gesehen habe ich sie nirgends, vermutlich steht die Kiste immer noch dort, wo Urs sie wieder hingestellt hat, als er die Kutsche zurückbrachte.»
«Tja, dann werde ich es Urs heute an der Sitzung so ausrichten.»

Lena sitzt in der Wohnstube und versucht zu lesen. Immer wieder schweift sie ab, horcht in die Nacht hinaus. Zwischendurch steht sie auf uns späte angestrengt durchs Fenster in die Dunkelheit. Doch letztendlich döst sie, müde von der Arbeit, mit dem Buch in der Hand, ein.


Plötzlich weckt sie Geschepper, Gepolter, Geklirr und über allem lautes Geschimpfe. Lena packt den Besen hinter der Tür und stürmt schreiend zum Hühnerstall, dabei schwang sie drohend den Besen über dem Kopf. Wie auf Knopfdruck war es mäuschenstill im Hühnergehege. Lena liess die schwere Taschenlampe aufflammen und leuchtet in zwei Gesichter aus denen sie entsetzt zwei Augenpaare anstarren.

«Jan, Urs!» ruft Lena ganz ausser Atem! Langsam lässt sie den Besen sinken.


Erst jetzt nimmt sie die ganze Situation wahr. Jan sass mitten im Wasser-Zuber. Urs stand gerade stöhnend auf rieb sich den Rücken und kämpfte mit der Schnur, mit einem Bein stand er in einem Eimer.
Urs fängt an zu glucksen und kichern. Auch Lena konnte nicht mehr an sich halten, zu komisch war die ganze Situation. So standen alle drei, mitten in der Nacht, im Hühnergehege und kugelten sich vor Lachen.
Als Lena sich von ihrem Lachkrampf erholte rief sie:
«So ihr beiden Eierdiebe, gehen wir in die Küche und wärmen uns an einem guten Kaffee Schnaps!» «Was heisst hier Eierdiebe, wir wollten doch nur den Weg in die Remise abkürzen, aber Kaffee Schnaps hört sich gut an.»

 

Am andern Morgen, Lena bereitete gerade das Frühstück vor, hörte sie Jan laut nach ihr rufen. Sie stellte den Herd ab und rannte auf den Hof. Jan stand am Remisentor und winkte ihr zu. Neugierig lief sie zu ihm.
«Schau doch, ich habe eine Überraschung für dich!»

Er nahm Lena an der Hand und zog sie in die hinterste Ecke, wo die Kutsche stand. Auf dem Kutschenboden lag die umgekippte Kiste mit den Samichlauskutten. Auf dem leuchtend roten Stoff lagen zehn braune Eier.
«Da hast du deinen Eierdieb, der Samichlaus höchstpersönlich», lachte er.

 

Süsser Duft durchzog das Haus. Lena und Tina standen in der Küche, bewaffnet mit Teigroller und Ausstechfiguren. Schürze und Hände bestäubt mit Mehl. Auf dem Fenstersims brannten Kerzen. Im Ofen knisterte das Feuer. Lena schaut zum Fenster: Es hat angefangen zu schneien. Die beiden Frauen stachen eifrig Herze, Sterne und Monde aus und verzierten sie mit bunten Zuckerkügelchen. Zwischendurch setzten sie sich mit einer Tasse Tee zum Fenster und schauten auf in das Schneetreiben vor dem Haus. Lena seufzte tief: «Ja, genau so muss sie sein – die Weihnachtszeit.»

 

Romy